Von Seegang und Gurtpflicht

Benedict

Datum: Freitag, der 10.11.2017
Mittagsposition: 30° 52,14‘N 016° 39,87‘W
Etmal: 107 sm
Wetter: Wassertemperatur 22°C, Lufttemperatur 21,5°C, Wind NE6
Autor: Benedict

„Ihr habt in einer halben Stunde Wache, es herrscht Gurtpflicht, zieht Ölzeug an, für Sandalen ist es aber warm genug.“ Das wurde uns kurz vor unserer Wache mitgeteilt. Als wir dann an Deck traten, wurde uns klar, warum man nur mit einem Klettergurt an Deck darf. Wellen, die zum Glück mittlerweile recht warm sind, spülen regelmäßig über das Hauptdeck und bedecken es mit einer schäumenden Schicht. Egal was man an Deck tut, man ist dabei mit einem Karabiner, entweder an den Tauen, die zu diesem Zweck überall gespannt wurden, oder an der Reling, eingehakt. Seit wir aus Camara de Lobos auf Madeira mit Kurs auf Teneriffa ausgelaufen sind, hat der Seegang stark zugenommen, was sämtliche Tätigkeiten an Bord erschwert: Wenn man am Ruder steht, muss man sich ständig von einer zur anderen Seite lehnen, um die Schiffsbewegungen auszugleichen. Des Weiteren kann es hierbei vorkommen, dass eine einzige Welle das Schiff mehrere Grad vom Kurs abbringt, was dann sofortiger Korrektur bedarf. Im Ausguck kommt es gelegentlich vor, dass eine besonders hohe Welle an der Bordwand empor schwappt und einen von oben bis unten nass macht. Das Gleiche gilt für denjenigen, der die Wassertemperatur für die Wetterdokumentation an dem Thermometer auf dem Hauptdeck abliest. Und bei Maschinen- und Sicherheitsronden muss man tierisch aufpassen, damit man sich nicht irgendwo stößt. Allerdings wurden wir dafür während unserer Wachzeit mit dem Anblick einer Definschule, die in den hohen Wellenbergen spielte, belohnt.

Für die Backschaft macht der Seegang das Leben auch nicht leichter. Die Kochtöpfe können nur zur Hälfte befüllt werden und es geschieht nicht selten, dass irgendetwas vom stetigen Schwanken dazu veranlasst wird, seinen Platz zu verlassen, zu Boden zu fallen und entweder zu Bruch zu gehen oder seinen Inhalt in der Kombüse zu verteilen. Nichts desto trotz hat die Backschaft heute ein vortreffliches Curry gezaubert, welches von einigen an der frischen Luft auf dem Achterdeck verzehrt wurde, um der Seekrankheit vorzubeugen. Diese macht nun erneut vielen von uns, wenn auch teilweise in abgeschwächter Form, zu schaffen. Aber so schlecht es manchen geht, so gut kümmern sich diejenigen um sie, denen es besser geht. Zudem spendet es für die Seekranken in der Nacht einen Trost, dass sie, wenn sie auf den Horizont blicken, das immer intensivere Meeresleuchten erblicken können. Diejenigen, die in der Messe ihr Mahl einnehmen können, müssen immer darauf achten, kein Geschirr übereinander zu stapeln, damit es nicht zu rutschen beginnt und herunter fällt. Natürlich muss auch in den Kammern alles seefest verstaut und die Oberlichter geschlossen sein, was nicht unbedingt zuträglich für die Luftqualität, aber notwendig ist, um zu verhindern, dass Wasser in die Kammern schwappt. Wenn man nachts in seiner Koje liegt, läuft man zwar nicht Gefahr heraus zu fallen, allerdings wird man ordentlich durchgeschüttelt. Das stört einen oft aber gar nicht, da man meistens einfach zu müde ist, um es überhaupt zu bemerken. Auch ist es mir im Deckshaus passiert, das mich eine Welle durch ein geschlossenes Bullauge hindurch erwischt hat. Ich weiß immer noch nicht wie das möglich war.

Es ist ein wenig schade, dass wegen des Seegangs unser Projekttreffen ausgefallen ist, aber das nächste ist ja schon für Teneriffa angesetzt. Im Filmprojekt arbeiten wir ohnehin gerade an einem Film für den noch einige Aufnahmen fehlen und die hohen Wellen bieten sehr aufregende Motive für Bilder mit der GoPro. Auch Reinschiff findet bei diesen Bedingungen nur begrenzt statt, was unsere Wache sehr erfreut, da wir so nicht das Deck putzen und das Messing nicht polieren müssen. Eigentlich hätte heute auch Kiras Vortrag über Astronomie stattfinden sollen, der aber nun auf dem Teide in Teneriffa gehalten wird, wenn wir hoffentlich einen guten Blick auf die Sterne haben werden.

Die Vorfreude auf Teneriffa ist schon sehr groß, da es der erste längere Landaufenthalt auf unserer Reise sein wird und uns dort ein interessantes Programm erwartet, das eine Abwechslung zum Alltag auf See darstellt. Zuerst muss aber noch einmal richtig geputzt werden, denn in Santa Cruz de Tenerife steht auch die Hygieneabnahme an, welche wir unbedingt bestehen müssen, um weiterfahren zu dürfen. Auch hoffen wir, dass das Wetter beim Endspurt unserer ersten Etappe besser mitspielt als im Moment und wir bei der weiteren Reise nicht mehr seekrank werden.

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