Von Blau- in Grünwasser

Lea

Datum: Sonntag, 12.04.2020
Mittagsposition: 50° 10,6‘ N; 005° 01,5‘ W
Etmal: 134 sm
Wetter: Lufttemperatur: 16° C, Wassertemperatur: 12°C, Wind: ENE 2
Autorin: Lea

Ich möchte euch vom Wochenende erzählen. Es ist eines unserer letzten hier auf der Reise. Es ist ein besonderes gewesen. Ein sehr Gefühlvolles und Schönes.

Um diese stimmungsvollen Tage nachvollziehbar zu machen, muss ich einmal die Kulisse beschreiben, durch die wir in den letzten Tagen bis nach England gefahren sind: Wir hatten so gut wie keinen Wind, so dass das Meer bis auf die kleinen, schuppenförmigen Wellen sehr glatt war. Demnach schaukelten wir sanft durch den Nebel, der uns die Sicht verdeckte, wodurch wir teilweise nur noch 2 Seemeilen weit sehen konnten. Die Sonne hat sich hell auf der Wasseroberfläche gespiegelt und gemeinsam mit der frischen, klaren, kalten Luft, hat dies eine Stimmung geschaffen, die man sonst auf einer Skipiste findet. Diese gute Luft nämlich lässt einen so richtig energiereich werden, man macht alles doppelt so schnell und doppelt so gern, aber sie machte mich nach getaner Arbeit müde, jedoch auch glücklich. Ich habe nach einem Platz gesucht, an dem ich ungestört Tagebuch schreiben und gleichzeitig die schöne Stimmung an Deck genießen konnte. Also habe ich mich mit meinem dicken Schlafsack auf die Back (das Vordeck des Schiffes) auf die zu einem kleinen Turm gebauten Festmacherleinen (die Leinen, mit denen wir im Hafen unser Schiff an den Pollern festmachen) gesetzt. Zusätzlich zu dem oben Beschriebenen ist auch noch die Sonne wunderschön untergegangen und ich habe eine Delfinschule beobachten dürfen. Es war also eigentlich schon zu bilderbuchhaft, aber eben genauso war es.

Wie sich das für Samstage gehört, haben wir unser Schiff auf allen Stationen gründlich geputzt und sind danach als Schiffsgemeinschaft auf dem sonnigen Achterdeck zu Besanschot-an zusammengesessen. Wir haben die Lost-and-Found-Dinge versteigert, lustigen und auch nachdenklichen Beiträgen gelauscht und Detlef hat uns das Wetter und den weiteren Reiseverlauf vorgestellt. Durch seinen Ausdruck „Wir sind jetzt im Grün- und nicht mehr im Blauwasser“, habe ich erst so richtig realisiert, dass die Zeit auf dem stürmischen Nordatlantik vorbei ist. Nun sind wir im Englischen Kanal. Das Wasser ist hier auf Grund der viel geringeren Tiefe wirklich grün und nicht mehr blau.

Und als wir nun am Sonntag in England angekommen sind, hat sich der Kreis um den großen Teich geschlossen. Ich habe während des gesamten Ansteuerungmanövers eine sehr melancholische Stimmung an Deck wahrgenommen, die durch viele einzelne Faktoren hervorgerufen wurde. Zu allererst sind, so gegen 11:00 Uhr, immer mehr Menschen an Deck gekommen, um die im Nebel aufgetauchte Küste Englands zu sehen. Wir haben sie wiedererkannt, denn hier waren wir ja ziemlich zum Anfang der Reise schon einmal. Wir haben diesen einen Leuchtturm wiedererkannt, genauso wie die Run-and-Dip-Strecke. Das war seltsam. Nach langer Zeit wieder dort hinzukommen, wo man schon mal war, denn die ganzen letzten zehn Häfen waren immer Neuland für uns gewesen. Das hat uns wieder gezeigt, dass nun wirklich bald das Ende da ist. „Das ist so, wie wenn man den Ammersee umrundet. Jetzt sind wir wieder am Ausgangspunkt, müssen aber noch zurück nach Hause, nach München fahren.“, hat Marc gemeint. Ich finde das einen sehr guten Vergleich, nur das die Fahrt nach Hause nochmal ein gutes Stück ist, auf dem noch das ein oder andere auf uns zukommt.

So standen wir also im Ausguck, hielten Ausschau nach Fischerbojen und Fahrwassertonnen, beobachteten vorbeitreibendes Seegras und Hölzchen oder entdeckten große und kleine Vögel, die auf dem glatten Wasser schwammen. Ich dachte über vieles, was wir auf der Seeumrundung erlebt hatten nach und freute mich darüber. Als dann der Anker fiel und die Maschine ausging, trat eine lang nicht dagewesene Stille ein. Olga hatte laufen müssen, da es keinen Wind zum Segeln gab, doch umso stiller war es jetzt, da sich kein Lüftchen regte. Nun waren wir also wieder angekommen. Noch nicht in der Heimat, aber zumindest an einem bekannten Ort. Die Häuser an Land sehen zwar auch noch nicht so aus wie zu Hause, kommen aber nah dran. Und die hellgrünen Wiesen und Hügel, ein riesiges gelbes Rapsfeld und dunkelgrüne Bäume lassen mich diesen Moment vor Englands Küste noch mehr genießen.

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